"Die Dekarbonisierung wird über die Zukunft der Unternehmen entscheiden."

Interview mit Alexander Littwin, Partner der m3 management consulting

Herr Littwin, warum beschäftigen sich die msg advisors mit der Dekarbonisierung?

Weil das für immer mehr unserer Kunden eine tiefgreifende, transformative Herausforderung ist. In den vergangenen Monaten mussten die Unternehmen sich sehr stark darauf konzentrieren, unter den Bedingungen der Corona-Krise handlungsfähig zu bleiben. Viele strategische Themen sind dabei in den Hintergrund getreten. Das gilt für die Dekarbonisierung nur bedingt – sie rückt schnell wieder in den Fokus der Entscheider.

Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen sehen wir bereits die destruktiven Folgen des Klimawandels. Es ist unleugbar, dass sich der Trend beschleunigt und die Welt in der Verantwortung steht, gegenzusteuern. Das bewirkt eine deutliche Prioritätenverschiebung in der Gesellschaft. Es geht nicht mehr um besonders engagierte Aktivisten, sondern um einen neuen sozialen Konsens, der sich abzeichnet. Die Kunden fordern aktiv klimafreundliche Produkte ein und sehen die Unternehmen in der Pflicht, die gesamte Wertschöpfung klimafreundlich zu gestalten. Und sie sind auch bereit, dafür einen Aufpreis zu bezahlen.

Um diesem Anspruch gerecht zu werden, müssen die Unternehmen allerdings ihre Geschäftsmodelle teilweise stark in Richtung Low Emission Products & Services verändern, die Lieferketten anpassen, für umfassende Rückverfolgbarkeit und Transparenz sorgen und auch smarte Technologien einsetzen, damit die Dekarbonisierung nicht zu prohibitiven Kosten führt, sondern im besten Fall die Kosten sogar senkt.

Welche Rollen spielen dabei die nationalen und internationalen Regulierungsinstanzen?

Eine bedeutende. Der Europäische Grüne Deal ist dafür ein beeindruckender Beleg. Die Europäische Kommission bezeichnet in ihrem Grundsatzpapier die Bewältigung klima- und umweltbedingter Herausforderungen als die entscheidende Aufgabe dieser Generation. Und damit bringt die EU ein enormes Paket an Maßnahmen und Fördermitteln in Anschlag und setzt das Ziel, die EU-Wirtschaft tiefgreifend umzugestalten. Allein für die Transitionsphase in den kommenden sechs Jahren sollen laut dem European Green Deal Investment Plan (EGDIP) 100 Milliarden Euro bereitgestellt werden. Die Kommission wird damit aktiv und zielgerichtet in die Märkte eingreifen, vielleicht sogar Märkte schaffen. Und das ist nur ein Ausschnitt des Themas, das auch von nationalen Zielen und Programmen und weiteren Instrumenten, natürlich auch Sanktionsinstrumenten, getragen wird. Darauf müssen sich die Unternehmen früh genug einstellen, um finanzielle und rechtliche Risiken zu minimieren.

Wo liegen in der Industrie heute die größten Potenziale für die Dekarbonisierung?

Es kommt sehr auf die konkrete Industrie an. Wir haben sehr energieintensive Branchen, die auf eine kontinuierliche Energieversorgung angewiesen sind und für die entsprechende Preisschwankungen äußerst relevant sind. Hier sind die naheliegenden Szenarien durchgespielt. Deshalb ist zum Beispiel der Braunkohleausstieg auch kein echter Hebel mehr für die Dekarbonisierung. Man braucht Lösungen, die auf einem systemischen Ansatz basieren und unterschiedliche Aspekte kombinieren.

Wie kann man sich dieses Zusammenspiel der Optimierungshebel vorstellen?

Man sieht das gut am Beispiel einer größeren Kommune, mit den Stadtwerken als dem zentralen Akteur. Die Stadtwerke haben Kapazitäten, um saubere Energie zu erzeugen, bzw. de-zentral erzeugte Energie für Einspeiser besser zu vermarkten und dadurch zu Nutzen. Sie verfügen aber auch über ÖPNV-Flotten. Wenn es zum Beispiel gelingt, Busse CO2-neutral zu betreiben, hat man einen sehr starken Ansatz für die Dekarbonisierung. In begrenzterem Umfang gilt das auch für Räumfahrzeuge, Müllwagen usw. Das sind die großen Hebel.

Durch Pooling, virtuelle Kraftwerke, die Elektrifizierung oder den Einsatz der Wasserstofftechnologie kann man viel erreichen. Aber wenn die Stadt systematisch die potenziellen CO2-Emissionsquellen analysiert, dann ergeben sich ganze Cluster von Verbesserungsmöglichkeiten. Da mag jede einzelne Maßnahme nur Prozentbruchteile beitragen – in Summe liegen aber gerade in dieser breiten Perspektive die wirklichen Chancen zur Dekarbonisierung. Diese Vielzahl an CO2-Treibern gibt es in jeder Branche.

Mit welchen Umsetzungsschwierigkeiten sind die Unternehmen dabei konfrontiert?

Einerseits fehlt die Transparenz. Man muss zunächst die eigenen Prozesse sowie die Schnittstellen innerhalb der Wertschöpfungsketten sehr genau analysieren und auch verstehen, wo und in welchem Umfang klimaschädliche Emissionen entstehen. Diese Analyse der CO2-Treiber ist durchaus eine Herausforderung. Denn die notwendigen Informationen sind in der Regel zwar vorhanden. Sie sind aber fast nie konsolidiert und harmonisiert und es fehlen die Prozesse, um mit den Daten zu arbeiten. Hinzu kommt, dass die Berechnung der Werte teilweise komplex ist und sowohl methodische Expertise als auch passende Werkzeuge erfordert. Benötigt werden Data Scientists, Prozessexperten und IT Spezialisten.

Haben Sie dafür konkrete Beispiele?

Am Thema Reisen lässt sich das gut zeigen. Jedes Luftfahrtunternehmen ist verpflichtet, den CO2-Ausstoß eines Fluges auf das Ticket zu drucken. Die Information ist da, wird aber nicht ausgewertet und mit den anderen Daten in Verbindung gesetzt.  Beim öffentlichen Nahverkehr – anderes Beispiel – kennt man den Spritverbrauch der Busflotte, den Kraftstoff und auch die CO2-Emission eines Fahrzeuges. Man könnte also präzise hochrechnen und Optimierungsansätze entwickeln. Es findet aber so gut wie nicht statt. Somit gilt das im Prinzip für die meisten Prozesse, die auf fossile Energieträger zurückgreifen. Notwendig sind CO2-Indizes, die auf fundierten Basiswerten aufbauen und aufzeigen, wo die größten Emissionsfaktoren und Optimierungsmöglichkeiten liegen. Im Moment weiß das kaum ein Unternehmen komplett übergreifend.

Wo könnten die Potenziale in weniger emissionsintensiven Industrien liegen?

Nehmen wir die Telekommunikationsindustrie, die ja nicht zu den großen CO2-Produzenten zählt. Aber die großen Operators betreiben jeweils bis zu 20.000 Funkmasten. Und jeder verbraucht pro Jahr bis zu 30.000 Kilowattstunden. Zusammen entspricht das dem Energiekonsum einer mittleren Stadt pro Operator. An der Stelle kann man ansetzen und über Energieeffizienz nachdenken und Maßnahmen konzipieren. Zum Beispiel durch offene Funkzugangsnetze (Open RAN), oder die dauerhafte Abschaltung von alten Funktechnologien im Kontext der 5G-Einführung.

Das sind jetzt sehr branchenspezifische Beispiele. Es gibt aber auch sehr wirksame branchenübergreifende Ansätze, etwa durch die verstärkte Nutzung virtueller Kollaborationsformen, Effizienzsteigerung oder die bessere Nutzung und Ausstattung von Rechenzentren und verteilten Rechenkapazitäten.

Die großen Potenziale der Dekarbonisierung ergeben sich also weniger durch die großen Würfe als durch ein Portfolio gezielter und vernetzter Maßnahmen?

Man braucht beides, anders lassen sich die ambitionierten Ziele gar nicht erreichen. Ein Versorger kann zum Beispiel beschließen, ein fossiles Kraftwerk abzuschalten. Was gelingen kann – aber, aus naheliegenden Gründen, nicht von heute auf morgen und auch nicht ohne negative Effekte und Widerstände. Deshalb sollte man unbedingt versuchen, Quick Wins zu generieren, die sofort greifen, einen Beitrag leisten und für die Zielerreichung wertvoll sind. Ideen dazu kommen häufig aus dem Team und man ist gut beraten, diese Ideen strukturiert aufzugreifen.

Wie unterstützen die msg advisors solche Initiativen?

Einerseits verbinden wir das Wissen um die Herausforderungen und Spezifika unterschiedlicher Branchen. Das ist unabdingbar, um systemische Ansätze zu entwickeln und auch auf der Ebene der Wertschöpfungsnetzwerke und der Geschäftsmodelle Veränderungen einzuleiten. Andererseits verfügen wir über Methoden, Instrumente und Ressourcen, um ein sehr klares Bild über die tatsächliche Emissionslandschaft zu gewinnen. Wir schaffen damit die Basis für jede zu entwickelnde Strategie und übrigens auch für ein entsprechendes Berichtswesen, das vom Regulierer gefordert wird.

Darüber hinaus haben wir bereits ein sehr umfangreiches Portfolio sowohl branchenspezifischer als auch branchenübergreifender Maßnahmen entwickelt, die Unternehmen bei der Dekarbonisierung direkt anwenden können. Und schließlich können wir die unterschiedlichen Aktivitäten wirkungsvoll koordinieren und in ein begleitendes Change-Management einbinden. Denn so technisch die Dekarbonisierung wirken mag – sie ist ein tiefgreifender Transformationsprozess, der auch signifikante Auswirkungen auf die Rollen, das Selbstverständnis und die Kultur eines Unternehmens hat.

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Im Interview

"Es geht um einen neuen sozialen Konsens."

"Der Braunkohleausstieg ist kein echter Hebel für die Dekarbonisierung."

"In den Einzelmaßnahmen liegen die wirklichen Chancen zur CO2-Reduktion.“

"Notwendig sind CO2-Indizes, die auf fundierten Basiswerten aufbauen"

"Gute Ideen für Quick Wins kommen häufig aus dem Team."

Mehr zum Thema erfahren Sie in unserem Gastbeitrag "Spielplan für Wärmewende-Champions"
in Energie & Management.

Erfahren Sie mehr.

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Alexander Littwin

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