"Das Großkraftwerk ist nicht mehr das Sinnbild der Energieerzeugung."

Interview mit Michael Dusch, Geschäftsführer der m3 management consulting

Herr Dusch, die PKW-Elektrifizierung wird ja vor allem aus der Perspektive der Automobilindustrie diskutiert. Welche Bedeutung hat das Thema im Kontext des Energieökosystems?

Eine der zentralen Herausforderungen wird in den regionalen Verteilnetzen liegen. Das Aufladen an öffentlichen Ladesäulen oder an Tankstellen ist wichtig – aber es reicht nicht, um die Elektromobilität zum Standard zu machen. Die Menschen werden ihre Autos in ihren Garagen und auf ihren Stellplätzen aufladen wollen, zuhause oder während der Arbeitszeit. Das wird typischerweise zu der gleichen Zeit passieren. Dadurch entsteht die Herausforderung, die Ladeenergieleistung in den Netzen so auszusteuern, dass die Netzstabilität nicht negativ beeinflusst wird. Damit ist man bereits bei einem Ökosystem-Ansatz und auch bei digitalen Technologien und dem Internet of Things, die ein solcher Ansatz zwingend erfordert. Einfach das E-Auto an die Steckdose anschließen, ist keine Lösung. Es ist nicht netzdienlich.

Was bedeutet das konkret?

Zum Beispiel muss zu den Zeitpunkten, wo andere Energieverbräuche schwächer werden, mehr Energie in die Ladeinfrastruktur gegeben werden. Und dort, wo das Netz ohnehin stark belastet ist, muss die Ladeleistung entsprechend zurückgefahren bzw. Energie aus den Fahrzeugspeichern in das Netz zurückgegeben werden. Das gesamte System auszusteuern ist eine Herausforderung, der sich eben das gesamte Ökosystem stellen muss – natürlich die zentralen Energieversorger, aber auch die Energieabnehmer und die dezentralen Energieproduzenten. Die Energieversorger müssen nicht nur Energie verteilen, sondern auch auf die Ladevorgänge Einfluss nehmen. Diese Aufgabe erfordert einerseits ausgeprägte IT-Kapazitäten, bis hin zum Einsatz moderner KI-Systeme bei beiden, Versorgern und Abnehmern.

Sie erfordert andererseits eine viel tiefere Kooperation mit großen Energieabnehmern als das heute der Fall ist. Denn um die Netze stabil zu halten, sollte man Einfluss auf die Produktionsabläufe energieintensiver Industrien nehmen. In der Vergangenheit wurde das Thema – Stichwort Smart Metering – vom falschen Ende her angegangen: Dass man sich den Wecker stellt, um nachts die Waschmaschine laufen zu lassen, weil dann der Strom günstiger ist – das ist schon ein wenig absurd. Aber dass die Produktion im industriellen Umfang sozusagen mit dem Netz atmet, das ist durchaus realistisch. Und auch notwendig, denn die Energiespeicherung wird bei allen Fortschritten, die wir sehen, immer nur im begrenzten Umfang möglich sein.

In Ihrer Antwort klingt schon an, dass die Rollen innerhalb des Energieökosystems sich künftig verändern werden. Welche Bedeutung spielen dabei die Dezentralisierung der Energieerzeugung und die Energiewende?

Das Großkraftwerk, das konstant mehrere Megawatt Energie erzeugt, ist nicht mehr das Sinnbild der Energieerzeugung. Aus drei Gründen: Erstens, weil wir bei nahezu 50 Prozent regenerativer Energien angekommen sind, die ja typischerweise dezentral erzeugt werden. Zweitens, weil diese ungleichförmig erzeugt werden. Nachts wird es keine Sonnenenergie geben und bei Windstille oder Sturmböen auch keine Windenergie. Und drittens, weil die Energieversorgung keine Einbahnstraße mehr ist – es wird dezentral erzeugt und auch dezentral eingespeist. Die hierbei potenziellen Ungleichgewichte aus Erzeugung und Verbrauch muss man intelligent ausgleichen, um die Netzstabilität zu sichern. Daraus ergeben sich zahlreiche Herausforderungen für die unterschiedlichen Akteure.

Was bedeutet dieser Wandel für die großen Versorger und Netzbetreiber?

Zunächst einmal entsteht im Zusammenhang mit Netz-Topologie eine Herausforderung, weil die häufig Jahrzehnte alten Netze für die vielen Formen der dezentralen Energieerzeugung gar nicht ausgelegt sind. Netze haben die Anforderung, dass die Summe der eingespeisten Energie der Summe der entnommenen Energie entsprechen muss, um die Netzstabilität zu bewahren. Man braucht also aus dieser Perspektive leistungsstarke digitale Technologien, um Verbrauchsquoten, Verbrauchsverläufe und Einspeisungsverläufe zu analysieren und zu steuern. Das sind Kurven, die nicht immer den gleichen Weg nehmen, sondern im ungünstigsten Fall spiegelverkehrt verlaufen. Gerade wenn Energie dezentral und ungleichmäßig produziert wird, hat man im Prinzip nicht mehr eine Konstante und eine Variable, sondern zwei Variablen. So zu steuern, dass die Summe dieser Variablen im Netz immer Null ergibt, erfordert sehr intelligente Technologien und perspektivisch sicher auch künstliche Intelligenz.

Aber dieser Wandel kann sicher nicht allein von den Netzbetreibern getragen werden. Welche Rolle spielen z.B. die Stadtwerke in diesem künftigen Ökosystem?

Zunächst einmal wird es auch in Zukunft notwendig sein, die Netze zu betreiben. Und es wird auch eine ganze Reihe komplexer, extrem kosten- und ressourcenintensiver Themen geben. Hier werden die führenden Energieversorger ihre Skalenvorteile sinnvoll nutzen und Trends setzen, zum Beispiel eben zur Migration der Netze und der Energieverteilungsinfrastruktur in das IoT-Zeitalter. Dafür haben die anderen Akteure eher nicht die Größe und die Ressourcen.

Gleichzeitig eröffnet die dezentrale Energieerzeugung neue Spielfelder und verändert die Rollen, auch die der Stadtwerke: In der Vergangenheit war die Frage, ob man sich Solarzellen aufs Dach montiert, letztlich eine individuelle Angelegenheit. Aber man kann das auch durchaus anders denken, man muss es sogar im Sinne der übergeordneten Netzdienlichkeit.

So ist vorstellbar, dass Stadtwerke sich die Dachflächen von den Besitzern mieten, um da kommunale Solarpanels draufzusetzen. Die Kommunen könnten so die Rolle dezentraler Kraftwerkbetreiber übernehmen und rund um dieses Betriebsmodell zusätzliche Dienstleistungen anbieten und neue Erlöspotenziale heben. Da sie eher nicht miteinander konkurrieren und in stark regulierten Märkten agieren, können sie sich auch zusammentun, um eine kritische Masse zu erreichen, etwa in der Technologieentwicklung und bei Investitionen in digitale Plattformen. Das geht natürlich über die Energie hinaus und betrifft sehr viele kommunale Angebote, etwa beim effizienten Management von Bädern. Wir als msg haben deshalb eine Plattform mit verschiedenen Lösungen für Stadtwerke entwickelt, um diese Kooperation zu erleichtern. Da sind wir im Prinzip beim Thema „Smart City“.

Wer sind die weiteren Teilnehmer solcher Smart City Energieplattformen?

Natürlich die Wohnungswirtschaft, aber auch große Logistikdienstleister. Sinnvoll ist auch die Einbeziehung der Anbieter von Darlehen, die eine entsprechende Umgestaltung von Quartieren ermöglichen. Und die bereits erwähnten großen Energiekonsumenten aus der Industrie. Aber das sind nur Beispiele. Solche Plattformen sollten grundsätzlich offen gestaltet sein, das ist die Voraussetzung für ihre Nachhaltigkeit und Evolution.  

Allerdings stellt sich beim Blick auf die Stromrechnung die Frage, ob die Geschäftsmodelle und die Preispolitik der Energieversorger diesem Wandel und dieser Vision gerecht werden.

Das ist aktuell sicher noch nicht der Fall. In großen Teilen bezahlen wir heute nicht monatlich genau die Energie, die wir verbrauchen. Sondern da wird einmal pro Jahr auf den Zähler geschaut, und dann wird ausgerechnet, wie der Verbrauch wohl im nächsten Jahr aussehen könnte. Das wird dann durch zwölf geteilt, woraus sich die monatlichen Abschläge ergeben. Das ist nicht das, was man heute erwarten darf, in einer Zeit von Echtzeitdatenverarbeitung. Sondern dass man mindestens monatsgenau, wenn nicht sogar tagesgenau das bezahlt, was man verbraucht. Das andere ist, dass die Preismodelle die Netzdienlichkeit honorieren müssten, also den Verbraucherbeitrag zur Netzstabilität. Das ist, wie bereits erwähnt, im Hinblick auf dezentrale Versorgung und erneuerbare Energien enorm wichtig. Und schließlich erwarten Verbraucher, die sich für Ökostrom entscheiden, dass sie wirklich Ökostrom bekommen – und nicht abstrakt über die Bilanzierung der Menge des eingespeisten Ökostroms im Gesamtnetz.

Sie haben vorher die Skalenvorteile der großen Energieversorger, die enormen Netzkosten und die Regulierung der kommunalen Märkte erwähnt. Schützen diese Rahmenbedingungen die heutigen Player vor einer Disruption, die sich beispielsweise in der Automobilindustrie abzeichnet?

Es gibt natürlich auch künftig Themen, die reguliert sind, oder nach klassischen Assets und nach viel Kapital verlangen. Und da kommen nicht so schnell neue Anbieter ins Spiel. Aber es gibt auch im Energiemarkt durchaus Disruptionsmöglichkeiten, gerade in dem Commodity-Bereich, wo die Differenzierung über das Produkt kaum möglich ist. Deshalb könnten sowohl die großen Technologieunternehmen, aber auch die Energievergleichsportale ihre Leistungen ausweiten und nicht nur Preisvergleich und Vertragswechsel ermöglichen, sondern als Versorgungsvertragspartner auftreten. Und für die Endkunden das gesamte Vertragsmanagement im Hintergrund abwickeln.

Denkbar ist auch, dass große Energievermarkter Kooperationen mit solchen Portalen anstreben werden. Das könnte die Strukturen im Markt durchaus verändern. Und natürlich bringt die Dezentralisierung selbst auch neue Spieler auf den Plan, etwa die Wohnungswirtschaft, die als Energieversorger auftreten kann, da sie über Kapital, Dachflächen und Ressourcen verfügt. Eine weitere Richtung wäre der Netzausgleich. Da können Anbieter auf den Plan treten, die für Nutzer von Elektroautos Angebote entwickeln, um im bestimmten Umfang den Speicher im Fahrzeug als Puffer für das Netz zur Verfügung zu stellen.

Man kann also viele Szenarien entwickeln und wir werden sicher neue Spieler in diesem Markt sehen, die wir heute entweder noch gar nicht kennen, oder nicht in Verbindung mit der Energieversorgung bringen. Dennoch glaube ich, dass die großen Energieversorger in diesem System weiterhin eine relevante Bedeutung haben werden, auch abseits des reinen Infrastruktur- und Kraftwerkbetriebs. Dafür müssen sie jedoch die Transformation, die bereits im Gange ist, aktiv und zukunftsorientiert mitgestalten.

Im Interview

"Einfach das E-Auto an die Steckdose anschließen, ist nicht netzdienlich."

"Die Produktion im industriellen Umfang kann mit dem Netz atmen."

"Die Kommunen könnten die Rolle dezentraler Kraftwerkbetreiber übernehmen.“

"Die Preismodelle müssten den Verbraucherbeitrag zur Netzstabilität honorieren."

"Der Commodity-Bereich im Energiemarkt ist für disruptive Geschäftsmodelle prädestiniert."

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Michael Dusch

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