"Wertschöpfungsketten
werden neu austariert."

Interview mit Thomas Praska, CEO der msg industry advisors

Herr Praska, wie wird sich der Zuschnitt globaler Wertschöpfungsketten im Gefolge der Corona-Krise verändern?

Mit Sicherheit werden die Wertschöpfungsketten neu austariert. Die Frage ist, in welche Richtungen diese Entwicklung gehen wird. Aktuell ist die Frage nach den Abhängigkeiten, die durch eine Globalisierung von Produktion und Beschaffung entstehen, allgegenwärtig. Die Frage also, ob bestimmte kritische Teile der Wertschöpfungskette nicht im Inland bleiben sollten. Das war gerade zu Beginn der Krise quer durch die Gesellschaft sehr präsent und wurde auch sehr emotional diskutiert. Das spielt nicht für jede Branche die gleiche Rolle, ist aber mit Sicherheit ein wichtiges Thema.

Allerdings kein neues. Denn vergleichbare Diskussionen hatten wir schon in einem kleinen Maßstab, als der Vulkan Eyjafjallajökull auf Island ausgebrochen ist und der Flugverkehr global lahmgelegt wurde. In vielen Bereichen konnte die Versorgung nur unter größten Schwierigkeiten aufrechterhalten werden. Daraufhin wurden zum Beispiel in der Pharmaindustrie Wirkstoffproduktionen, die auf eine Region konzentriert waren, neu verteilt. So dass man seitdem auf mehreren Kontinenten produziert hat.

Das erleben wir jetzt erneut. Die Corona-Krise hat dabei die entsprechenden strategischen Überlegungen natürlich intensiviert. Doch durch die politischen Verwerfungen und Konflikte der letzten Jahre, steigende Löhne in Asien oder neue Technologien war die Diskussion bereits auf der Agenda. Nur gibt es da leider keine schnellen Lösungen.

Warum?

Weil man aus den aktuellen Bedingungen teilweise gar nicht rauskommt. Denn es sind ja über Jahrzehnte die Kosten durch Auslagerung runtergefahren worden, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Das kann man jetzt nicht schnell zurückholen, sehr viele Unternehmen könnten dann im globalen Wettbewerb nicht mehr mitspielen. Es fehlen die günstigen Arbeitskräfte, es fehlt der Zugang zu Rohstoffen, es fehlen Strukturen, die gesetzlichen Vorgaben sind anspruchsvoller. Letztlich ist es so, dass Covid-19 als Brandbeschleuniger wirkt. Dort, wo auch vorher strukturelle Probleme waren, werden diese nun lebensbedrohlich.

Werden sich im Gefolge der Krise auch die Einfluss- und Rollenverteilung in den globalen Netzwerken verändern?

Das ist eine vielschichtige Frage. Einerseits wollen die klassischen Sourcing-Regionen, China vor allem, nicht mehr nur Werkbank sein, sondern an den wissensintensiven, lukrativen Teilen der Wertschöpfungsketten teilhaben. Andererseits hat die jetzt in der Corona-Krise so breit diskutierte Verletzlichkeit unseres Systems ihren Ursprung ja nicht darin, dass der Zugang zu Wissen bedroht ist. Vielmehr erweist sich der Zugang zu Rohstoffen, Vorprodukten und einfachen Gütern wie Schutzausrüstung als kritisch.

Hinzu kommt außerdem, dass die Schwierigkeiten, mit denen wir gerade konfrontiert sind, oft gar nicht in den einzelnen Wertschöpfungsketten liegen. Sondern im schlechten Zusammenspiel mehrerer Supply Chains, in unzureichend ausgebauten Ökosystemen begründet sind. Vor allem darauf müssen wir unser Augenmerk richten – das ist aus meiner Sicht eine der zentralen Lehren aus der Krise.

Woran zeigen sich die Schwächen heutiger Strukturen besonders deutlich?

Das aktuell besonders sichtbare Beispiel ist natürlich das Gesundheitssystem. In den meisten aktuell stark betroffenen Ländern liegen die Risiken nicht allein in den unzureichenden Kapazitäten der Kliniken. Sondern es fehlt an Transparenz, an einer reibungslosen Information und Koordination, an der Logistik, am Bereitstellen der medizinischen Güter. Es erwies sich als schwierig, die Ausrüstung schnell zu beschaffen, die Pflegeeinrichtungen gezielt und frühzeitig mit Hilfsmaterial zu versorgen und entsprechende Verhaltensregeln zu definieren. Die meisten Länder haben auch aus der Beobachtung der Situation in China zu spät Schlüsse gezogen, zu spät Beschaffungsoptionen und auch die Möglichkeiten der Umstellung von Produktionskapazitäten geklärt.

Wird vor diesem Hintergrund die Pandemiebekämpfung den Ausbau der Ökosysteme beschleunigen?

Ja, das liegt auf der Hand. Ich bin überzeugt, dass das Bewusstsein dafür wachsen wird, dass man komplexe Herausforderungen künftig nur aus Ökosystemen heraus lösen kann. Das gilt nicht nur für das Gesundheitswesen. Sondern auch für die Mobilität, die Energieversorgung, den Städtebau, das Bildungswesen und viele andere Bereiche.

Gerade im Gesundheitswesen werden wir aber in den kommenden Monaten weitere Fragestellungen haben, die ökosystemische Ansätze erfordern. Zum einen die Organisation der Produktion und Logistik von Hilfsgütern. Zum anderen aus der Forschung heraus, wenn es darum geht, vielversprechende Therapien an den Start zu bringen – sie bereitzustellen, medizinisch und regulatorisch abzusichern, zu monitoren und natürlich auch zu finanzieren.

Wir werden diese Themen global angehen müssen, um eine humanitäre Katastrophe in der Dritten Welt zu verhindern und das Virus wirklich nachhaltig zu bekämpfen. Und wir werden Risikomanagement-Systeme aufbauen müssen, die uns bei einem weiteren Ausbruch eines Virus früher und effektiver handlungsfähig machen als im Fall des Coronavirus. Das alles funktioniert nur disziplinübergreifend, aus einem Ökosystem heraus.

Die Digitalisierung spielt dabei, neben einer übergeordneten Bereitschaft zur Kooperation und Offenheit, eine absolut zentrale Rolle. Die Corona Krise zeigt auf, wie viel Potenzial an unterschiedlichen Stellen noch besteht, das wir dringend heben müssen. Die Digitalisierung ist der Schlüssel dazu, um in solchen Krisen handlungsfähig zu bleiben und effektive Lösungen zu finden.

Im Interview

"Letztlich ist es so, dass Covid-​19 als Brandbeschleuniger wirkt. Dort, wo auch vorher strukturelle Probleme waren, werden diese nun lebensbedrohlich."

"Die Schwierigkeiten liegen oft gar nicht in den einzelnen Wertschöpfungsketten."

"Die Corona Krise zeigt auf, wie viel Potenzial an unterschiedlichen Stellen noch besteht, das wir dringend heben müssen."

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Thomas Praska

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